Die Welt ist komplex und dementsprechend sind es auch die Herausforderungen. Einfache Antworten gibt es nicht. Aber wir dürfen nicht aufhören, miteinander um Lösungen zu ringen. Deshalb laden wir Sie mit diesem Format dazu ein, gemeinsam mit uns Antworten auf Herausforderungen und Fragen unserer Zeit zu finden und zu diskutieren.

#4 Widerstand gegen Populismus: Wie kann Kommunikation die Demokratie stärken?

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Platon beschrieb den Fortschritt als einen stetigen Prozess, der das Menschsein von einem ursprünglichen Naturzustand zu einem idealen Staat entwickelt, welcher auf universellen Prinzipien basiert. Dieses Ziel sah der US-amerikanische Politikwissenschaftler Francis Fukuyama mit dem Ende des kalten Krieges erreicht. Die liberale Demokratie habe obsiegt, man erlebe „das Ende der Geschichte“. Doch anhaltende ideologische und geopolitische Konflikte sowie demokratiefeindliche und autoritäre Tendenzen widerlegten diese These recht schnell. Und auch aktuelle politische Entwicklungen, wie der Aufstieg des Populismus und das Erstarken von Extremisten und Ethno-Nationalisten an den Rändern des politischen Spektrums sowie die damit einhergehende politische Polarisierung machen deutlich, dass noch kein Ende der Geschichte in Sicht ist.

Populismus lähmt unser System

Einigkeit ist eine Voraussetzung für kollektives Handeln. Die politische Landschaft wird jedoch von Konflikten geprägt, welche die Gesellschaft als Ganzes erfasst haben. Dabei verfolgt der Populismus – ob von links oder von rechts – das Ziel, die Gesellschaft künstlich in zwei Gruppen zu spalten: das „Volk“ und die „Elite“ („die da oben“). Der „Democracy Perception Index 2024“ zeigt, dass sich mit zunehmendem Populismus auch die Lage der Demokratie verschlechtert: Mehr als ein Drittel der Bevölkerung hierzulande empfindet die Demokratie bzw. ihre Institutionen als unzureichend. Sogar jeder Zweite vertritt die Meinung, dass die Bundesregierung nicht mehr die Interessen der Bevölkerungsmehrheit vertrete. Die daraus resultierende soziale Entropie, also der Zerfall des Systems und die Erosion des gesellschaftlichen Zusammenhalts, führt zu einem Mangel an konstruktiver und lösungsorientierter Kommunikation. Die Lähmung unserer gesellschaftlichen Funktionssysteme in Politik und Wirtschaft ist die Folge. In einer Zeit, in der populistische Parteien und Bewegungen zunehmend an Einfluss gewinnen, steht die Gesellschaft vor der Herausforderung, diese Entwicklung zu bekämpfen und die demokratischen Werte zu verteidigen. Politik und Wirtschaft stehen in der Verantwortung, aktiv zur Förderung einer offenen und pluralistischen Gesellschaft beizutragen. Kommunikation kann und muss einen wesentlichen Beitrag dazu leisten, populistische Parolen zu entlarven und zu widerlegen und die Menschen für demokratische Prinzipien zurückzugewinnen. Doch wie kann das gelingen?

Fakten und Lebensrealitäten verknüpfen

Um ihre Ziele zu erreichen, setzen populistische Bewegungen auf Desinformation und wiederholen fortlaufend Falschinformationen, um die Wirklichkeit zu verzerren. Sie bedienen sich hierzu digitaler Plattformen, die basierend auf Algorithmen die Bildung von sogenannten „Echokammern“ befördern, wodurch Meinungen als weit verbreitet wahrgenommen werden, da gegensätzliche Meinungen seltener angezeigt werden. Der sogenannte „Illusory Truth Effect“ verstärkt diese meinungsbildende Fehlfunktion, denn wiederholt präsentierte Aussagen werden eher als wahr wahrgenommen als einmalige Aussagen. Dies unterstreicht die Notwendigkeit, Falschinformationen frühzeitig zu erkennen und zu korrigieren. Eine der grundlegendsten Rollen der Kommunikation ist demnach die faktenbasierte Aufklärung. Aber reicht die bloße Darstellung von Fakten aus, um Menschen zu überzeugen? Sicher nicht. Emotionale Erzählungen schaffen hingegen eine Verbindung zwischen Fakten und individuellen Lebensrealitäten und können zur Erreichung derjenigen beitragen, die sich bewusst einer rationalen Argumentation entziehen. Der polnische Lyriker Stanisław Jerzy Lec betont: „Es genügt nicht, dass man zur Sache spricht. Man muss zu den Menschen sprechen.“ Auch Unternehmen stehen hier in der Verantwortung. Sie sollten auf die handfesten wirtschaftlichen Vorteile einer offenen und pluralistischen Gesellschaft hinweisen. Denn wie der US-Ökonom Richard Florida zeigt, sind Vielfalt und Toleranz nicht nur moralisch wünschenswert. Sie ziehen Talente an, fördern technologische Innovationen und tragen so zu Wirtschaftswachstum und Wettbewerbsfähigkeit bei.

Positive Narrative gegen Angst

Um die negativen und spaltenden Erzählungen populistischer Bewegungen zu dekonstruieren, sollte eine konstruktive Kommunikation auf die Entwicklung positiver Gegen-Narrative abzielen, welche direkt an die Emotionen, Bedürfnisse und Werte der Menschen anknüpfen. Dabei sollten positive Narrative als sinnstiftende Erzählungen verstanden werden, die eine inklusive, aber gleichwohl realistische und durch Fakten unterfütterte Vision für die Gesellschaft bieten und den Wert von Vielfalt und Zusammenhalt betonen. Anstatt Bedrohungsszenarien zu beschwören, müssen positive Gegen-Narrative konstruktive Lösungen für gesellschaftliche Herausforderungen bieten. „Es darf nicht die Angst sein, die uns die Prioritäten diktiert“, schreibt Hans Rosling in seinem internationalen Bestseller „Factfullness“. Stattdessen sollen positive Narrative zur Akzeptanz unterschiedlicher Meinungen und Lebensentwürfe ermutigen und positive Visionen für die Zukunft entwickeln. Rosling zeigt, dass sich die Welt tatsächlich zum Besseren entwickelt hat. Wir müssen es eben nur auch mal sagen. Positive Narrative unterstützen diesen Prozess des Dialogs und tragen dazu bei, Ängste abzubauen und Verständnis für komplexe Themen zu schaffen, ohne populistische Vereinfachungen zu nutzen. Auch bewährte Narrative sind nach wie vor kraftvoll. Die auf Wettbewerb, Gerechtigkeit und Ausgleich bedachte soziale Marktwirtschaft etwa, oder die Idee von Frieden, Wohlstand und Rechtsstaatlichkeit, die der europäischen Integration innewohnt, sind positive Narrative, die wir den spaltenden Erzählungen der Populisten entgegenstellen sollten.

Grenzen und Regeln gegen Intoleranz

Doch wie kann sichergestellt werden, dass Dialogangebote nicht von Extremisten instrumentalisiert werden, um ihre eigenen Ziele zu verfolgen? Hier ist es wichtig, klare Regeln und Grenzen zu setzen, wenn es um die Verbreitung von Desinformation geht. Diese Grenzen des Tolerierbaren sind jedoch gerade im digitalen Raum durchlässig. Hier müssen auch die Regulatoren nationale und internationale Konzepte entwickeln, um die Anbieter digitaler Plattformen und sozialer Netzwerke in die Pflicht zu nehmen. Jegliche Form von menschenverachtenden Ideologien ist entschieden abzulehnen, ohne dabei die Offenheit und Inklusivität des Dialogs zu gefährden. Es geht darum, Verständnis für die alltäglichen Sorgen der Menschen zu zeigen, ohne Intoleranz zu tolerieren. Und ohne dabei veraltete gesellschaftliche Stereotypen zu bedienen und die komplexe Realität zu verschleiern.

Dies bedeutet jedoch gerade nicht, die Themen und Argumente von extremistischen und populistischen Bewegungen aufzugreifen und drastische, aber zumeist wirkungslose Maßnahmen anzukündigen. Zumal diese Strategie in der Regel nicht zu einem Stimmenzuwachs für die etablierten Parteien führt, da sie als bloße Nachahmer der Populisten wahrgenommen werden. Es bedeutet auch nicht, sich allein auf die Sicherung der verbliebenen Wählerschaft zu konzentrieren, anstatt aktiv Wähler zurückzugewinnen, die zu populistischen Alternativen abgewandert sind. Diese Wählergruppen dürfen nicht vernachlässigt oder als verloren betrachtet werden. Denn dieses Vorgehen könnte schlussendlich dazu führen, dass die Populisten sich in ihrer Kritik bestätigt sehen könnten, dass Bürgerinnen und Bürger mit ihren Sorgen von den etablierten Parteien nicht mehr wahrgenommen werden. Wir müssen stattdessen im Dialog extremistische Ansichten mit Fakten dekonstruieren und Menschen mit emotionalen Erzählungen für unsere freiheitliche demokratische Grundordnung zurückzugewinnen.

#3 33 Jahre Deutsche Einheit: Wozu sind Ost-West-Vergleiche überhaupt gut?

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Anlässlich des Tags der Deutschen Einheit im Jahr 2023 widmen wir uns der Frage, wofür ein Ost-West-Denken 33 Jahre nach der Wiedervereinigung eigentlich noch gut ist. Die Leiterin der Wirtschaftsredaktion bei der Sächsischen Zeitung, Nora Miethke, schrieb dazu im Editorial des Newsletters „Wirtschaft in Sachsen“ völlig zu Recht: „Ich kann diese Straßenumfrage-Beiträge nicht mehr sehen. Das liegt nicht an den Menschen, die dort befragt werden, sondern an dem einseitigen Blick der überregionalen Medien, bevorzugt Leute vor die Kamera zu holen, die mit ihrem Gemeckere die Klischees vom „Jammerossi“ bedienen und damit aufrechterhalten.“

Jörg Ottmann, Gründer und Partner von Reason Why, nahm im Jahr 1999 sein Studium der Soziologie und Politikwissenschaft in Jena auf. Als Westdeutscher war er damals an der Uni ein Exot. Mit dem Slogan „Studieren in Fernost“ warben ostdeutsche Universitäten in Informationsbroschüren. Überzeugt haben ihn die gut ausgestatteten Bibliotheken und das deutlich bessere Verhältnis von Studierenden pro Lehrkraft. Vor allem aber war es die Neugierde auf die damals wirklich noch „neuen Bundesländer“. Mit großem Interesse meldete er sich zu Seminaren, wie beispielsweise „Die Sozialstruktur Deutschlands im Ost-West-Vergleich“ an. Diverse Statistiken wurden mit dem Ziel ausgewertet, Unterschiede und Gemeinsamkeiten herauszuarbeiten: „Tatsächlich konzentrierte sich die Betrachtung auf Trennendes, weniger auf Verbindendes. Im Nachhinein hatte man das Gefühl, das Ergebnis stand quasi im Vorhinein schon fest.“

Das ist heute 24 Jahre her. Damals mag die Betrachtung von Differenzen und Gefälle ihre Berechtigung gehabt haben. Heute sieht die Welt anders aus. Längst gehen Transformationsprozesse vonstatten, die ihresgleichen suchen und neue Perspektiven für die Zukunft eröffnen. Auch – oder vielleicht gerade – im Osten der Republik: Sachsen wird zu einem Zentrum der Halbleiterindustrie, in Thüringen und Brandenburg haben sich internationale Konzerne der Mobilitätsbranche angesiedelt, Sachsen-Anhalt etabliert sich als Standort für Batteriezellenfertigung und Energiewirtschaft. Dennoch fühlen wir uns beim Lesen, Hören und Sehen von Reportagen um 20 bis 25 Jahre zurückversetzt. Auch der diesjährige „Jahresbericht Deutsche Einheit der Bundesregierung“, den Carsten Scheider, Beauftragter der Bundesregierung für Ostdeutschland, jüngst vorstellte, sieht weiterhin Handlungsbedarf: Die Netto-Einkommen seien in Ostdeutschland geringer, gut ausgebildete Fachkräfte verließen ihre Heimat und es entstünde zunehmend ein Arbeitskräfteproblem.

Wir stellen zwei Thesen auf:

1. Unterschiede sind heute primär nicht auf ein Ost-West-, sondern auf ein Stadt-Land-Gefälle zurückzuführen.

Ja, es gibt Lohngefälle, Unterschiede in der Wirtschaftskraft und unterschiedlich ausgeprägte politische Unzufriedenheiten der Bürger:innen. Aber sind sie wirklich ein Ost-West-Phänomen? Der Jahresbericht Deutsche Einheit beruht auf den Umfrageergebnissen des „Deutschland-Monitors“. In der Frage, was die größten Herausforderungen seien, sind sich Ost- und Westdeutsche in vielem einig: top-platziert sind die Schaffung von bezahlbarem Wohnraum und die Fachkräftegewinnung. Die Umfrage zeigt aber auch, dass die Herausforderungen in Städten als deutlich größer empfunden werden als auf dem Land. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung schreibt hierzu: „Dabei wiederum ist entscheidend, dass der Anteil der Menschen, die auf dem Land leben, im Osten bei der Hälfte liegt, im Westen bei einem Viertel.“

Die F.A.Z. veröffentlicht in dem Artikel eine Übersicht des Bruttoinlandsprodukts je Einwohner in den Landkreisen (von 2021). Gemäß Datenbasis des Statistischen Bundesamts liegt das Bruttoinlandsprodukt pro Einwohner beispielsweise in Dresden bei 43.201 Euro und damit leicht unter dem Niveau von Köln (44.835 Euro) und über dem Niveau von Hamburg (36.855 Euro).„Mich hat der Osten nicht mehr losgelassen. Mein Erstwohnsitz und damit meine Wahlheimat liegt im Landkreis Mecklenburgische Seenplatte“, sagt Jörg Ottmann. Das Bruttoinlandsprodukt je Einwohner liegt hier bei 40.656 Euro. In seiner alten Heimat, dem Hochtaunuskreis im so genannten „Speckgürtel“ der Metropole Frankfurt am Main, liegt es übrigens bei nur 31.478 Euro.

2. Das Reden über Unterschiede baut weder Brücken noch schafft es Lösungen. Die gemeinsame Suche nach Lösungen und Ausgestaltungsprozessen notwendiger Transformationen hingegen zeigt Perspektiven auf.

Im Osten geht die Sonne auf. Wenn man dieses Naturgesetz als Metapher sieht, dann dafür, dass in Mitteldeutschland neue Perspektiven und Optionen entstehen. Die Region befindet sich mitten in einem Prozess der Transformation: exzellente Forschungsinstitutionen werden auf- und ausgebaut, wir erleben innovative Ausgründungen und Start-Ups, die das Umfeld zu schätzen wissen, mittelständische Unternehmen sind längst zu internationalen Playern aufgestiegen, und globale Konzerne haben Niederlassungen und Fabriken aus dem Boden gestampft. Und die Entwicklungen sind noch lange nicht zu Ende: Denn Ostdeutschland bietet nach wie vor viele freie Flächen und oftmals auch Subventionen, die weitere internationale Konzerne anziehen, wodurch Investitionen in Milliardenhöhen möglich werden. All dies ebnet den Weg in ein neues Zeitalter: die Wirtschaft wandelt sich und eröffnet damit auch neue Perspektiven für Bürger:innen.

Damit die nicht mehr ganz so neuen Bundesländer gut ausgebildete Kräfte halten und neue hinzugewinnen, müssen wir aufhören über Benachteiligungen und Unterschiede zu reden. Wir sollten stattdessen über die Gestaltung von Transformationsprozessen sprechen.

Dialog ist wichtig. Denn nicht jede Entwicklung wird positiv sein. Daher gilt es genau zu beobachten und zu analysieren, welche Mechanismen besonders gut funktionieren. Es braucht ein umfassendes Informationsangebot, das allen Beteiligten und Interessierten offensteht, um einen Austausch auf Augenhöhe zu ermöglichen. Außerdem braucht es stakeholder- und interessenübergreifende Dialogangebote, die die Chancen und Erfolgsfaktoren von Transformation in den Mittelpunkt stellen, aber auch die bisherigen Entwicklungen reflektieren.

Hemmt oder befördert die alljährlich wiederkehrende Debatte über vermeintliche Unterschiede zwischen Ost und West das Zusammenwachsen dessen, was zusammengehört?

Unsere Antwort:

Eine öffentlichkeitswirksame aber zumeist isolierte Betrachtung des Ostens stigmatisiert und führt uns nicht weiter. Denn strukturelle Unterschiede scheinen sich nicht in erster Linie auf ein Gefälle zwischen Ost und West zurückführen zu lassen. Vielmehr beschreiben sie unterschiedliche Erfahrungen und Bedürfnisse der Bürger:innen in urbanen und ländlichen Regionen.

Klimawandel, Energiewende, Digitalisierung, Globalisierung, sich verändernde globale Handelsbeziehungen und der demographische Wandel verstärken den Veränderungsdruck: Geschäftsmodelle, Organisationsstrukturen, Produkte, Technologien und Prozesse stehen angesichts des Strukturwandels und der sich dynamisch wandelnden äußeren Einflussfaktoren auf dem Prüfstand. Im Angesicht immenser Herausforderungen und der anstehenden Transformationen keimt bei vielen ein Gefühl der Überforderung oder ein Unbehagen auf. Anders als noch vor 25 Jahren gibt es aber heute gerade für den Osten klare Perspektiven.

Wir sollten damit aufhören, die vermeintlichen Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschland zur Abgrenzung voneinander einzusetzen. Stattdessen sollten wir den Dialog suchen, um die notwendige Transformation unseres Landes im Kontext globaler Megatrends gemeinsam zu gestalten.

Wie bewerten Sie die Berichterstattung und die Debatten über vermeintliche Ost-West-Unterschiede? Brauchen wir nicht viel eher einen Transformations-Beauftragten, als einen Ost-Beauftragten? Wie gelingt es, der Transformation den Schrecken zu nehmen, mutig die Herausforderungen anzunehmen und selbstbestimmt den Wandel zu gestalten?

#2 Bin ich eigentlich in der richtigen Partei? Erinnerungen zum Tod von Hans-Ulrich Klose

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Anlässlich des Todes von Hans-Ulrich Klose erinnert sich Jörg Ottmann, Gründer und Partner von Reason Why, an ein prägendes Gespräch mit dem früheren Ersten Bürgermeister von Hamburg.

Für die Konferenz „Die deutsche Sicherheitspolitik in der öffentlichen Diskussion“ im Jahr 2014 konnte ich Hans-Ulrich Klose für die Abschlussrede gewinnen. Erwartet hatte ich, dass der frühere Erste Bürgermeister von Hamburg pünktlich zu seiner Rede im Atrium der F.A.Z. in Berlin erscheinen würde und dann eher allgemein über das sicherheitspolitische Potential der Bundesrepublik Deutschland in Europa und der Welt sprechen würde. Bekommen haben die Teilnehmer:innen etwas anderes. Einen hochkonzentrierten, informierten und interessierten Elder Statesman, der bereits um 9.30 Uhr morgens seinen Platz einnahm und sich zu jedem der nun folgenden Programmpunkte Notizen für seine spätere Rede machte.

„Wenn ich hier die Verantwortung einer Abschlussrede übertragen bekomme, muss ich doch auch wissen, worüber hier gesprochen wird! Wenn man sich nicht auf die anderen Sprecher bezieht, macht das doch keinen Sinn.“

Und Hans-Ulrich Klose bezog Stellung. Er ging kritisch auf den Redebeitrag von Niels Annen ein, der gerade zum außenpolitischen Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion ernannt wurde. Und er mahnte die SPD im Allgemeinen sowie Frank-Walter Steinmeier in seiner Rolle als Außenminister im Besonderen.

Im Anschluss an die kluge und besonnene Rede sprach ich Hans-Ulrich Klose darauf an, dass es für ihn natürlich keinen Partei- oder Fraktionszwang gibt, es aber doch sehr aufgefallen ist, dass er einige politische Ansichten der SPD nicht teilt. Ich erlaubte mir die Frage, ob er denn das Gefühl hat, in der richtigen Partei zu sein.Hans-Ulrich Klose atmete tief ein und dachte nach. Dann sagte er, er habe sich in der Tat diese Frage schon sehr häufig gestellt. „Wenn ich meine persönlichen Überzeugen mit dem Parteiprogramm der SPD übereinanderlege, dann ergibt sich eine Übereinstimmung von vielleicht 54%. Jetzt werden Sie sagen, 54% ist aber sehr wenig. Und in der Tat, ist das nicht viel. Ich bin jedoch zutiefst davon überzeugt, dass es sich lohnt, sich politisch zu engagieren und sich für die Themen, die einem wichtig sind, einzusetzen. Und bisher habe ich noch kein Parteiprogramm gelesen, bei dem die Übereinstimmung größer als 54% gewesen wäre. Aus diesen Überlegungen heraus kann ich mit Gewissheit sagen, dass es erstens richtig ist, überhaupt Parteimitglied zu sein und zweitens, dass ich auch in der richtigen Partei bin.“

Über diese Worte denke ich auch heute noch immer wieder nach. Vor allem aber rufe ich Sie mir ins Gedächtnis, wenn Kollegen, Klienten oder auch andere Weggefährten überraschend ihre Positionen wechseln und dann andere Ziele verfolgen als bislang. Oder wenn ein Konsens weit entfernt ist und es nur um die Aushandlung eines Kompromisses gehen kann. Es gibt weder in der Politik noch in der Arbeitswelt den absoluten Gleichklang und ein Team voller Seelenverwandter. Aber mit 54% Übereinstimmung kann man arbeiten und sie sind jedenfalls kein Grund, die Flinte ins Korn zu werfen! Ich bin Uli dankbar für die guten Gespräche und Ratschläge.

Wie viel Übereinstimmung braucht es zwischen den persönlichen Ansichten auf der einen Seite und den Positionen von Parteien, Unternehmen oder auch innerhalb von Teams, auf der anderen Seite? Was sind die Voraussetzungen, um gemeinsam etwas bewegen zu können?

#1 Was muss eigentlich passieren, damit Politik und Wirtschaft wieder miteinander reden?

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„Bei unternehmerischen Entscheidungen kommt es längst nicht mehr auf die nationalen Debatten der Politik an“, sagte ein Unternehmenslenker eines namhaften deutschen Maschinenbauunternehmens im Rahmen eines Hintergrundgesprächs, welches wir für einen unserer Klienten konzipiert und realisiert haben. Man habe dem Produktionsstandort Deutschland den Rücken gekehrt, stellte der Unternehmensvertreter fest, und produziere nun direkt in den Ländern der Kunden. Das spare Zeit, Kosten und Verwaltungsaufwand. Der Handel zwischen den Staaten werde reduziert, Probleme durch Lieferkettengesetze und Ausfuhrgenehmigungen seien dadurch gebannt. Aus inszenierten Debatten einzelner Politiker, wie etwa die Einführung einer 4-Tage-Woche, halte man sich kopfschüttelnd heraus. „Natürlich schlägt das Herz des deutschen Mittelstands weiterhin in Deutschland, aber wir fühlen uns von der Politik allein gelassen und unverstanden“, bekräftigte ein weiterer Unternehmer aus der Runde. Denn längst führten die nationalen und europäischen Regulierungen zu einem schleichenden Tod der Industrie.

Eindrücklich brachte es ein Chef-Volkswirt aus der Finanzbranche auf den Punkt: „Unser Gegner steht mit 14 Mann auf dem Feld und erkennt die Abseitsregel nicht an. Wir glorifizieren den Handel mit lupenreinen Demokratien und verlieren gleichzeitig jeden Tag Unternehmen und Know-how an China.“ Dass zahlreiche Mittelständler und Großkonzerne die Produktion in die Länder der Kunden verlegten, sei vor wenigen Jahren noch nicht vorstellbar gewesen, konstatierte ein teilnehmender Vertreter der Politik. „Ich nehme aber auch wahr, dass Unternehmer sich nicht dem politischen Diskurs stellen. Sie müssen sich einbringen und den Mund auch aufmachen“, forderte dieser und lieferte direkt eine mögliche Erklärung seiner Beobachtung. In den Medien würden Unternehmer und Politiker vorgeführt und gegeneinander ausgespielt. Deshalb verbarrikadierten sich Wirtschaft und Politik in ihren jeweils eigenen Positionen und könnten der permanenten Rechtfertigungshaltung nicht entkommen.

Auf einer Wirtschaftskonferenz in Berlin sprach Bundesminister Robert Habeck darüber, dass die Wirtschaftspolitik sich der Klimapolitik unterordnen müsse. Als im Anschluss ein Vorstandsvorsitzender aus der Chemieindustrie in seiner Rede diese Strategie hinterfragte und die Auswirkungen diskutieren wollte, hatte der Bundesminister längst den Saal verlassen. Der dringend notwendige Austausch zwischen Politik und Wirtschaft hat wieder einmal nicht stattgefunden.

“Im Zweifel sind wir aufeinander angewiesen”, stellte wenige Tage später Bundesaußenministerin Annalena Baerbock mit Blick auf das Verhältnis von Wirtschaft und Politik bei einem Gespräch auf Einladung der Frankfurter Allgemeinen Zeitung fest. Unternehmerische Interessen seien vielleicht nicht immer deckungsgleich mit einem volkswirtschaftlichen Interesse. Darüber müsse man eine ehrliche Diskussion führen und gemeinsam die richtigen Schlüsse ziehen. Denn Diskussionen trügen dazu bei, dass man wieder näher zueinanderkomme, so die Außenministerin.

Brauchen wir überhaupt den Dialog? Wie finden Interessengruppen mit unterschiedlichen Positionen und Zielen wieder zurück an einen Tisch?

Usere Antwort:

Mit Dialogen und Debatten verhält es sich wie mit der Demokratie: Sie sind mühsam, kräftezehrend und manchmal kommt am Ende nicht das heraus, was man im Sinn hatte. Verlockend erscheinen die Algorithmen, die uns mit den Ansichten und Positionen versorgen, die uns in unserer eigenen Haltung bestärken.

Aber wie sehr wir uns auch anstrengen, Alternativen zur demokratischen Debattenkultur zu finden, stellen wir fest: am Ende gibt es keine Form des Miteinanders, die besser geeignet wäre, Interessen auszugleichen, Lösungen zu finden und die Gesellschaft als Ganzes voranzubringen. Daher braucht es Plattformen, die einen ergebnisoffenen Diskurs befördern. Und es braucht Protagonisten, die Argumenten gegenüber offen sind und Kurskorrekturen zulassen. Grundlagen müssen – trotz entgegenstehender Ansichten – verbindende Überzeugungen und ein respektvoller Umgang miteinander sowie ein gemeinsames Verständnis der grundsätzlichen Ziele sein.

Wie bewerten Sie die Sprachlosigkeit, die sich zwischen Wirtschaft und Politik beobachten lässt? Wie können Brücken zwischen den Perspektiven und Positionen gebaut werden? Wie kann der Interessenausgleich gelingen?

Lassen Sie uns ins Gespräch kommen,
wir sind gespannt auf Ihre Meinung!